Ausgelesen: Die Schwäne fliegen wieder

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Obwohl eigentlich nicht mein bevorzugtes Lesefutter-Genre, habe ich mich mal an einen Fantasy-Roman getraut:

“Der siebte Schwan” von Lilach Mer

Der Einstieg führt uns in die 1980er zu einer Großmutter, die ihren 80. Geburtstag mit Tochter und Enkelin begeht. Diese Großmutter ist Wilhelmine, genannt “Mina”, die wir kurz darauf in ihren Erinnerungen ins Jahr 1913 begleiten.

Mina ist eine Träumerin, was zu jener Zeit, als Wissenschaft und Technik in jeden Winkel des Lebens zu leuchten schienen und die Moderne das Unerklärbare immer mehr verdrängte, durchaus ein seelischer Makel war. Den neuen Ideen der Psychoanalyse und der Erforschung skurrilster Behandlungsmethoden hat sich der Doktor, ein Freund der Familie, verschrieben. Verstohlen schleicht sich das Mädchen immer öfter auf den Dachboden, wo eine Spieluhr wartet, die sie tanzen und die Zeit vergessen lässt. Aber diese Spieluhr birgt auch ein Geheimnis, welches in Mina immer schmerzhafter nach Aufklärung drängt. Es genügt ein kleiner Anlass und Mina verschwindet in eine Welt, die real und Traum zugleich ist …

Durch das ganze Buch zieht sich eine wahrhaft bezaubernde Bildsprache. Von der ersten bis zur letzten Seite blieb ich eingetaucht und selbst wenn die Geschichte sich in längeren Beschreibungen zu verlieren schien, folgte ich voller Spannung, um ja keines der entstehenden Bilder zu verpassen. Vielleicht sollte ich es auch ein zweites Mal lesen, um alle Querverbindungen und Anspielungen zu verstehen. Wesen wie die Kielkröpfe oder den Pug kannte ich noch gar nicht und ich bin mir bis jetzt nicht sicher, was bekannten Märchen und Sagen entstammt und was in der Fantasie der Autorin geboren wurde.

Lilach Mer entwirft viele verschiedene Charaktere beginnend bei Herrn Tausendschön, einem Kater gesetzten Alters, der in seinen Unterhaltungen aber auch gekonnt Witz und Charme versprüht. Hinzu kommt eine Taterfamilie, die der Protagonistin zur Seite steht, aber nicht ohne eigene Konflikte ist. Der Taterbegriff (Wortherkunft Tartaren) für fahrendes Volk und in diesem Falle speziell Zigeuner war für mich neu und ich fand auch die Hintergründe gut recherchiert und interessant.

Wer also Alice im Wunderland schon gern gelesen hat, sich auf ein dichtverwobenes Spinnennetz aus Realität und Traum mit bekannten Märchen- und Sagenelementen einlassen will und in der Lage ist, sich durch wunderschöne sprachliche Bilder in eine Fantasiewelt entführen zu lassen, dem sei das Schwänchen wärmstens empfohlen.

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