Die Diktatur der Frühaufsteher

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Eigentlich bin ich ja viel zu müde um hier etwas zu schreiben. Und das kam so:

Gerade wollte ich die tolle Prinzessin von ihrem schrecklichen Schicksal erlösen als die hupende Hexe auf ihrem Cabrio-Besen uns störte. Das Schloss, die Prinzessin, die Hexe – alles verschwand und zurück bleibt nur dieser furchtbare Hupton …

Wo bitteschön ist Amnesty International, wenn man sie braucht?!! Weiß man nicht spätestens seit den neuesten Skandalen um Guantanamo und Abu Ghraib, dass Folter und derlei Instrumente verboten sind??? Naja, zum Glück genügt ein Schlag auf den Wecker um ihn abzustellen. Wie jeden Morgen liege ich völlig verschreckt und paradoxerweise genauso müde herum und warte. Darauf, dass ich wach werde. Aber wie jeden Morgen vergebens. Außerdem bin ich nun sicherlich taub.

Einziger Trost, dass mein Wecker kein Radio ist und einen ewig gutgelaunten Moderator sein „Guten Moooorgen, die Sonne scheint!“ in meine armen Ohren brüllen lässt. Also freue ich mich über diese glückliche Fügung und schäle mich aus dem Bett. Durch das offene Fenster und am Grauschleier vor meinen Augen vorbei kann ich erkennen: Die Sonne scheint tatsächlich. Ich kann auch wieder hören! Und zwar meine Nachbarin Frau Hubschmidt, die einer unsichtbaren Person erklärt, was sie an diesem Morgen schon alles angestellt hat. „Ja, was soll ich denn tun, wenn ich seit fünf kein Auge mehr zubekommen habe!“ – Gut, dass ich keine Waffe besitze. Und der Frau ein Buch aus meinem Regal an den Kopf zu werfen, bringe ich nicht übers Herz. Wegen dem Buch. Und weil mir noch der Elan fehlt.

Frau Hubschmidt ist plötzlich in Eile, weil der Supermarkt gleich öffnet. Die Öffnungszeit des Marktes ist auch mein Arbeitsbeginn. Ich stürze ins Bad …

Die erste Ladung Zahnpasta geht an der Bürste vorbei ins Waschbecken. Wenn ich doch nur diese verdammten Augen aufbekommen würde!

Minuten später lasse ich in höchster Eile die Wohnungstür hinter mir. Ich bin nicht wirklich beunruhigt, denn bis hierher ist es Routine … bis ich zwei Treppenstufen später vor Frau Bosemann stehe, die gerade hingebungsvoll die Treppe mit einem Lappen traktiert. Sicher war sie extra zeitig aufgestanden, damit sie – wie alle Rentnerinnen – vor Sonnenaufgang mit der Hausarbeit fertig ist. Pech gehabt, die Sonne scheint aber schon!

Nachdem ich wartend ihr am liebsten schon fünfmal auf die Finger getreten wäre, lässt sie mich endlich vorbei. Ein imaginärer Sekundenzeiger beginnt an meine Stirn zu klopfen … tick …. tack … und ich laufe Frau Hubschmidt in die Arme, deren unsichtbarer Gesprächspartner verschwunden ist, ohne mit ihr über den frühmorgendlichen Sonnenschein zu plaudern. Aaaaah, ein paar endlose Minuten sonnigen Smalltalks später donnert es wieder an meine Stirn … tick und tack und weiter gehts.

Vor dem Supermarkt steht die allmorgendliche Schar schlafloser Einkaufswilliger und wartet auf Einlass. Wie ungerecht ist diese Welt!?? Wenn ich mal Rentner bin, werde ich mich extra auch so früh da hinstellen! Jawohl, und allen zeigen: Tja, ich könnte weiterschlafen, wenn ich wollte – schaut her! Aber ich will nicht, haha!

In der letzten Sekunde schaffe ich es, auf der Arbeit meine Karte in die Stechuhr zu drücken und höre wie eine Kollegin zur anderen sagt: „Sag mal, konntest du heut morgen auch nicht mehr schlafen? Ich hab schon meine ganze Wäsche gemacht heut früh.“

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